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Inklusive Arbeitswelt

Firma Blitzblank: reine Einstellungssache

Sein Unternehmen hat Gerhard Scheibe vor über 30 Jahren als Ein-Mann-Betrieb gestartet, zunächst Bekannte eingestellt – „keine Dauerlösung“, wie er heute sagt – er hat Kunden akquiriert, weitere Arbeitskräfte engagiert, sich selbst als Arbeitgeber neu erfunden. Heute hat der Blitzblank Hausmeisterservice in Nürnberg 120 Angestellte, zehn von ihnen arbeiten im Büro bzw. in der Qualitätssicherung und 110 in den betreuten Objekten. Gerhard Scheibe setzt auf Qualität: „Nicht blitzschnell, sondern blitzblank.“ Und: Menschen mit Behinderung zu beschäftigen ist für ihn selbstverständlich. Unterstützt wird er bei Fragen vom Integrationsfachdienst (IFD).
 

Sabine Ströhlein und Gerhard Scheibe stehen vor einem Räumfahrzeug von Blitzblank.

Über Gerhard Scheibe

Porträtfoto: Gerhard Scheibe.

Ende der 1970er-Jahre hat Gerhard Scheibe sein Unternehmen gegründet und sich selber neu erfunden – als Arbeitgeber. 1982 hatte er drei Angestellte, heute sind es 120. Über Inklusion denkt er nicht nach, er lebt sie ganz selbstverständlich.

Meine Meinung

„Für mich gibt es erst dann eine gute Zusammenarbeit, wenn das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung akzeptiert und niemand ausgegrenzt wird. Ein Unternehmen sollte widerspiegeln, was sich in der Gesellschaft abspielt – nämlich dass man täglich miteinander etwas erreicht.“

Über Sabine Ströhlein

Porträtfoto: Sabine Ströhlein.

Als Sabine Ströhlein zwei Jahre alt war, verlor sie durch eine Hirnhautentzündung ihr Gehör. Sie besuchte eine Gehörlosenschule, machte eine Ausbildung zur Chemielaborantin, wurde übernommen. Nach dem Konkurs der Firma und mehreren Umschulungen hat sie 2012 bei Blitzblank ihren Arbeitsplatz gefunden.

Meine Meinung

„Die Kommunikation und Unterstützung im Team sind wichtig. Ich habe Verantwortung und kann mir meine Zeit einteilen, das schätze ich – ebenso wie regelmäßige Treffen mit dem IFD.“

Über Ines Lamprecht

Porträtfoto: Ines Lamprecht.

Seit 2008 arbeitet Ines Lamprecht als Beraterin beim IFD. Ihr Schwerpunkt: die berufliche Sicherung von Menschen mit Behinderung. An ihrer Arbeit schätzt die Sozialpädagogin besonders den lösungsorientierten Austausch mit Arbeitgebern und Arbeitnehmern.

Meine Meinung

„Inklusion am Arbeitsplatz bedeutet für mich ein gleichberechtigtes Miteinander und das Anerkennen der Vielfältigkeit. Arbeitgeber sollten flexible Wege gehen und auch mal etwas ausprobieren. Sie werden sehen, dass es sehr gut funktioniert.“

Vom Rock’ n’ Roll zur Reinigung

Eigentlich wollte Gerhard Scheibe früher Sozialpädagogik studieren. „Ich habe mich aber mehr für Rockmusik interessiert als für die Schule“, verrät er. Seine Begeisterung für die Musik ist geblieben – ebenso wie der Bezug zu sozialen Themen. Inklusion sieht er als Verantwortung. Den ersten Mitarbeiter mit Behinderung hat er vor über zehn Jahren eingestellt. Wie viele seiner jetzigen Angestellten eine Behinderung haben? „Bei uns arbeiten zwei gehörlose Menschen und ein Epileptiker. Es gibt auch Diabetiker – insgesamt sind es fünf Menschen mit Behinderung, denke ich.“ Sicher ist er nicht. Warum? Für ihn steht die Behinderung nicht im Fokus, Inklusion ist selbstverständlich. „Ein ehemaliger Mitarbeiter, der jetzt nach Brasilien ausgewandert ist, hatte eine Sprachbehinderung“, berichtet er. „Aber das war nicht bedeutend, das war halt unser Thomas. Fertig.“

Es ist für mich selbstverständlich, Menschen mit Behinderung einzustellen. Wenn ich auf die Leistung abziele und es funktioniert, muss ich mir doch über Kündigung keine Gedanken machen.

Heute hat Blitzblank einen festen Kundenstamm, zu dem u. a. Wohnungsgenossenschaften zählen. 120 Beschäftigte, zehn von ihnen im Büro bzw. in der Qualitätssicherung, kümmern sich neben Reinigung, Winterdienst und Grünpflege auch um die technische Betreuung und den technischen Notdienst in Treppenhäusern.

Aha!

Der Integrationsfachdienst (IFD) ist in ganz Bayern vertreten – mit über 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern an 27 Standorten. Er berät Arbeitgeber, Personalverantwortliche und Selbstständige bei allen betrieblichen Fragen zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. Außerdem unterstützt der IFD Menschen mit Behinderung in allen Fragen zur Eingliederung in das Arbeitsleben.

Leistungen für Arbeitgeber sind u. a.:

  • Beratung von Vorgesetzten im direkten Arbeitsumfeld
  • Gezielte Problembeseitigung bei Schwierigkeiten am Arbeitsplatz
  • Beratung zur technischen Ausstattung von behindertengerechten Arbeitsplätzen
  • Abwicklung des gesamten Antragsverfahrens staatlicher Fördermittel
  • Erledigung sämtlicher anfallender Formalitäten mit dem Integrationsamt

Leistungen für Menschen mit Behinderung sind u. a.:

  • Klärung von leistungs- und förderrechtlichen Fragen
  • Unterstützung bei sämtlichen anfallenden Formalitäten
  • Hilfe bei der Suche nach beruflichen Alternativen
  • Unterstützung bei der individuellen Bewerbung und Kontaktaufnahme zu potenziellen Arbeitgebern
  • Beratung und Unterstützung bei allen Herausforderungen nach der Arbeitsaufnahme

Klare Ansagen

Sabine Ströhlein in einem Treppenhaus. Sie reinigt Briefkästen mit einem Lappen.

Treppenhäuser wischen, Geländer, Ecken, Lichtschalter reinigen, Briefkästen säubern, Zeitungen entsorgen – Sabine Ströhlein arbeitet sehr sorgfältig.

Eine seiner Mitarbeiterinnen mit einer Behinderung ist Sabine Ströhlein. Seit ihrem zweiten Lebensjahr ist sie gehörlos. Die gelernte Chemielaborantin war nach einigen Rückschlägen und zwei Umschulungen lange arbeitssuchend. „Als Gehörlose war es nicht so leicht, das Passende zu finden.“ Durch das Arbeitsamt hat sie vom IFD erfahren, der sie auf ihrem Weg unterstützt hat. Über Praktika ist sie schließlich zur Firma Blitzblank gekommen. „Der Chef hat mich geschätzt. Er ist immer mein Ansprechpartner“, sagt Sabine Ströhlein und betont: „Ich habe meinen Arbeitsplatz gefunden.“

Sabine Ströhlein arbeitet meist allein – fünf Tage, 20 Stunden in der Woche. Ihr Tagesablauf ist klar strukturiert. „Es ist für mich wichtig, wiederkehrende Aufgabenbereiche zu haben“, erklärt sie. „Ich bin ein ängstlicher Mensch, hatte anfangs Befürchtungen, dass ich es nicht schaffe.“ Doch ihr Chef war überzeugt: „Wir machen das schon.“ Sie erinnert sich an eine Situation: „Ich hatte vor ein paar Jahren einen Nabelbruch. Herr Scheibe hat mich zum Arzt und dann ins Krankenhaus gefahren, hat alles organisiert und den IFD informiert.“ Mit ihrer Witwenrente, einer teilweisen Erwerbsminderungsrente aufgrund weiterer Erkrankungen und ihrem Gehalt kommt sie gut zurecht. „Ich schätze das sehr und mag meinen Job“, sagt Sabine Ströhlein. „Denn wenn ich Arbeit habe, geht es mir auch privat gut.“

Smiley gibt Sicherheit

Durch den IFD fühlt sich Sabine Ströhlein unterstützt und sicher. „Ich brauche den IFD, vielleicht bis zur Rente“, sagt sie. „Die Möglichkeit hat sie“, antwortet Ines Lamprecht. Die Beraterin des IFD begleitet Sabine Ströhlein seit 2015, hat sich z. B. um die Organisation eines Gebärdensprachdolmetschers gekümmert. Im Moment sehen sie sich alle zwei Monate und tauschen sich regelmäßig per E-Mail aus.

Sabine Ströhlein bei der Arbeit: Sie wischt in einem Treppenhaus.

Manchmal ist das Treppensteigen anstrengend für Sabine Ströhlein. Ihr Arbeitgeber hat reagiert und ihr mehr Objekte mit Fahrstuhl zugeteilt.

Sabine Ströhlein vor einem Haus. Sie zieht einen Handwagen mit Putzutensilien.

Ihr täglicher Gang zur Arbeit: Sabine Ströhlein erreicht alle Häuser, in denen sie sauber macht, zu Fuß. Immer dabei: ihr Handwagen.

Sabine Ströhlein benötigt Klarheit. „Die Kommunikation muss klappen, ich brauche Ordnung und Planungssicherheit“, betont sie. „Mir ist wichtig, dass man mich ernst nimmt und mich unterstützt.“ Nach anfänglichen Unsicherheiten ist das Verhältnis zu ihren Kolleginnen und Kollegen gut. Auch mit ihrem Arbeitgeber tauscht sie sich bei Fragen sofort aus. Das musste sie erst lernen – auch mithilfe des IFD. „Es sind oft nur kleine Änderungen, die aber eine große Wirkung haben“, ist Ines Lamprecht überzeugt. Die Aufgabenverteilung erfolgt schriftlich oder per Smartphone.

Die Beraterin erinnert sich: „Der Arbeitgeber hatte Frau Ströhlein anfangs nur knappe Anweisungen oder Informationen per SMS geschickt. Sie hat diese als Vorwurf verstanden und war verunsichert.“ Die Lösung: Um Missverständnissen vorzubeugen, schickt der Herr Scheibe heute immer ein Smiley oder das Wort „Info“ mit. „Das reicht mir“, sagt Sabine Ströhlein, „dann weiß ich, in welchem Kontext die Mail gemeint ist.“ Auch in ihrer Freizeit organisiert sie sich über das Smartphone, trifft sich mit anderen gehörlosen Menschen im Clubheim oder zum Bowlen.

Einen Beitrag leisten

Anfangs hatte Gerhard Scheibe Bedenken, wie die Kommunikation mit Sabine Ströhlein funktionieren kann. Heute ist das für ihn kein Thema mehr. Er ist überzeugt: „Frau Ströhlein ist genauso leistungsfähig wie die anderen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, da sehe ich keine Defizite. Ich kann mich absolut auf sie verlassen.“ Was ihn freut: Einer seiner Teamleiter hat die Gebärdensprache gelernt, um sich mit gehörlosen Angestellten austauschen zu können. Gerhard Scheibe kann sich vorstellen, Menschen mit Behinderung in Führungspositionen einzustellen. „Es kommt ja auf die Qualifizierung an.“

Herr Scheibe versucht es einfach.

Über den IFD erhält Gerhard Scheibe immer wieder Anfragen für Praktika. Den regelmäßigen Austausch mit Ines Lamprecht schätzt er dabei sehr. „Durch die Einstellung von Menschen mit Behinderung habe ich viel gelernt – z. B. in Sachen Sensibilisierung“, betont der Geschäftsführer. Auch Ines Lamprecht ist begeistert von der Zusammenarbeit: „Wir brauchen Arbeitgeber, die offen sind. Herr Scheibe versucht es einfach“, sagt sie. Seiner Meinung nach haben Arbeitgeber eine Verantwortung. „Ich möchte einen Beitrag leisten“, betont er.

Porträtfoto: Gerhard Scheibe.

Gerhard Scheibe schätzt es, Menschen zu unterstützen. Einem Bewerber hat er z. B. den Führerschein finanziert, um ihn für seinen Job zu qualifizieren.

Ein Ordnungssystem an der Wand mit vielen Fächern und Zetteln.

Urlaubspläne, Anweisungen und Informationen – Sabine Ströhlein braucht genaue Strukturen. Ihr Chef und das Blitzblank-Team sind dafür sensibilisiert.

Erfolg ist mehr als Geld

„Ich finde es interessant, wenn nicht nur die wirtschaftliche Seite im Fokus steht“, sagt Gerhard Scheibe. „Erfolg ist toll, was aber auch zählt, ist Zusammenarbeit im Team, Kommunikation auf verschiedenen Ebenen und das Stecken und Erreichen von Zielen. Dadurch entwickelt sich ein Unternehmen.“ Und was rät er anderen Arbeitgebern, die Angst vor Kosten und Aufwand haben? „Denken Sie an Ihre soziale Verantwortung! Arbeitgeber müssen die Gesamtgesellschaft sehen, das ist die Voraussetzung für ein soziales Gefüge.“ Inklusion bedeutet für ihn auch, da zu sein.

Über rechtliche Themen ist Gerhard Scheibe nur grob informiert. „Ja, den besonderen Kündigungsschutz und Urlaubsanspruch kenne ich“, sagt er und ergänzt: „Aber wenn ich auf die Leistung abziele und es funktioniert, muss ich mir doch über Kündigung keine Gedanken machen.“ Der Geschäftsführer setzt auf langfristige Beschäftigungsverhältnisse, denn für ihn zählt Qualität. „Es kommt nicht nur auf die Fertigkeiten an“, erklärt er, „ich habe den Anspruch an meine Reinigungskräfte, dass Sauberkeit sichtbar ist. Das ist eine Sache der Einstellung.“

Aha!

Der Integrationsfachdienst (IFD) ist in unterschiedlichen Bereichen tätig: Dazu gehört die Vermittlung, also die Unterstützung bei der beruflichen Orientierung und Arbeitssuche. Außerdem gibt es den Beruflichen Sicherungsbereich: Wenn bereits ein Arbeitsverhältnis besteht, ist der IFD Ansprechpartner für Arbeitgeber und Arbeitnehmer.

Wichtig: Arbeitgeber und Beschäftigte können sich jederzeit an den IFD wenden und werden individuell unterstützt. Das bedeutet Sicherheit für beide Seiten.

Inklusion auf dem Vormarsch

Die größte Herausforderung beim Thema Inklusion in der Arbeitswelt liegt für Ines Lamprecht im Erstkontakt. „Wenn die Hemmschwelle erstmal abgebaut ist und der Arbeitgeber positive Erfahrungen macht, wird es leichter und funktioniert“, erklärt sie. Die Beraterin betont, wie wichtig es sei, dass Arbeitgeber diesen Schritt gehen. „Arbeitgeber können sich dem Thema nicht entziehen, weil in unserer alternden Gesellschaft auch im Laufe der Zeit Behinderungen auftreten können.“ Der IFD ist hier ein verlässlicher Ansprechpartner. Die Stärke der Fachdienste sieht Ines Lamprecht in der kontinuierlichen Beratung und bedarfsgerechten Begleitung beider Seiten.

Sie ist überzeugt: Eine Behinderung bedeutet nicht weniger Leistung – was zählt, sind individuelle Stärken. „Menschen mit Behinderung bringen oft eine große Motivation mit“, erklärt Ines Lamprecht. „Frau Ströhlein ist ein gutes Beispiel dafür.“

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