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Inklusive Arbeitswelt

Frankenraster: Win-win-win!

Menschen mit Behinderung können keine Leistungsträger sein? Unsinn, findet Hans-Joachim Meinert. „Sie sind es doch gewohnt, sich durchzubeißen.“ Er muss es wissen. Im Frühjahr 2001 gründete Meinert eine GmbH. Sechs Monate später verunglückte er schwer mit dem Motorrad. Die Ärzte bereiteten ihn auf ein Leben im Rollstuhl vor. Doch Meinert biss sich durch und kam, buchstäblich, wieder auf die Beine. Zwei Jahre später stieg er wieder voll in seine Firma ein und entwickelte sie erfolgreich weiter. Mit Ideen, hohem Qualitätsanspruch und vielen Beschäftigten mit Schwerbehinderung. Inklusion ist für ihn eine „Win-win-win-Beziehung“, von der alle profitieren.

Wandfläche mit Zitat von Henry Ford: „Zusammenkommen ist ein Beginn, zusammenbleiben ist ein Fortschritt, zusammenarbeiten ist ein Erfolg.“

Über Hans-Joachim Meinert

Porträtfoto: Hans-Joachim Meinert

Hans Joachim Meinert ist Geschäftsführer der Frankenraster GmbH. Das Unternehmen digitalisiert Dokumente, vom Ordnersatz mit Firmenunterlagen über riesige Baupläne bis zu kostbaren historischen Originalen. Auch die Lagerung von Akten gehört zum Service. Auf 120 Regalkilometern ruhen Ordner, Kartons und Kisten hoch gesichert und in papierfreundlichem Klima.

Meine Meinung

„Inklusion ist eine Win-win-win-Beziehung. Der Arbeitgeber bekommt hoch motivierte Leute und viel Unterstützung. Der Beschäftigte wird gebraucht, ist zufrieden, fitter, hat Freude am Leben. Und für Ämter und Gesellschaft gibt es einen arbeitslosen Menschen weniger auf der Liste.“

 

Über Carina Schneider

Porträtfoto: Carina Schneider

Carina Schneider arbeitet seit 2013 in der Datenerfassung bei Frankenraster. Sie ist mehrfach körperbehindert. Doch am Arbeitsplatz und im Team bei Frankenraster, sagt sie, „fühle ich mich nicht behindert.“

Meine Meinung

„Worüber Arbeitgeber mal nachdenken sollten: Kein Mensch ist perfekt.“

Alles ganz normal. Bis zum Schulabschluss

Carina Schneider ist mehrfach körperbehindert. Sie kann stehen, gehen, sitzen – nur all dies nicht ununterbrochen. Wenn sie am Schreibtisch sitzt, muss sie regelmäßig aufstehen und sich ein wenig bewegen. Sie kann ihre Arme und Hände gebrauchen, ihre Sinne und den Kopf sowieso. Ganz normal war es deshalb für sie, den Regelkindergarten und die Regelschule zu besuchen – und für ihre Umwelt auch. Dass sie für viele Menschen nicht so ist wie alle anderen, erfuhr sie erst, als sie einen Ausbildungsplatz suchte. Kein Unternehmen wollte sie haben. Das Etikett „schwerbehindert“ klebte an ihr wie ein Makel.

Ihre einzige Option war ein Berufsbildungswerk (BBW). Hier können sich u. a. Jugendliche mit Behinderung in verschiedenen Berufen erproben, ihre Fähigkeiten testen und schließlich in BBW-eigenen Übungsfirmen eine Ausbildung machen. Carina Schneider fand sich im BBW zum ersten Mal unter vielen anderen Menschen mit – körperlicher, geistiger oder seelischer – Behinderung. „Das war für mich auch eine wertvolle Erfahrung“, meint sie rückblickend. „Wenn man andere Betroffene sieht, relativiert sich der Blick auf die eigene Einschränkung.“ Gerade dies gab Carina Schneider allerdings auch zu denken. Schließlich fühlte sie sich fit für den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt. Was ihr fehlte, war nur die Chance, sich zu beweisen.

Arbeitgeber mit „Leseschwäche“?

Als ausgebildete Bürokraft verließ sie das BBW und begann, sich zu bewerben. „Meine Behinderung habe ich immer angegeben“, sagt Carina Schneider. „Sie gehört einfach zu mir.“ In ihren Bewerbungen schrieb sie auch, dass sie alles leisten könne, was andere Bürokräfte auch tun. Dass sie keine Hilfsmittel brauche. Dass sie sich auf jeden freien Platz setzen und loslegen könne. Doch offenbar hörten die Arbeitgeber schon beim Stichwort „Grad der Behinderung: 100“ auf zu lesen.
Gelegentlich wurde sie zum Vorstellungsgespräch eingeladen. „Da habe ich immer wieder erlebt, wie den Personalern das Gesicht entgleitet. `Huch´, dachten die offenbar, `die kommt ja auf zwei Beinen´.“ Einen Job bekam sie trotzdem nicht. Zwei Beine und ein wacher Kopf hin oder her: Fast zweieinhalb Jahre lang war Schneider nach ihrer Ausbildung arbeitslos. Später hangelte sie sich durch Praktika und Zeitverträge.

Carina Schneider im Interview mit „Inklusion in Bayern“.

„Ich war in einem Regelkindergarten und einer Regelschule. Dort hatte ich nie Probleme.“

Porträtfoto: Carina Schneider

„Behindert habe ich mich erst gefühlt, als ich einen Ausbildungsplatz gesucht habe.“

„Hier fühle ich mich nicht behindert“

Erst bei Frankenraster fand sie eine Perspektive. Sie stieg mit einem Praktikum ein; danach bekam sie einen Zeitvertrag und schließlich eine unbefristete Stelle. Heute arbeitet Carina Schneider in der Datenerfassung des Unternehmens. Die Unterlagen, die ihre Kolleginnen und Kollegen digitalisiert haben, organisiert sie nach der Struktur der Kunden. Der Job ist abwechslungsreich, macht ihr Spaß. Besonders wichtig ist für sie das gute Arbeitsklima. „Der Zusammenhalt ist groß, hier hilft jeder jedem. Hier fühle ich mich gut integriert – und nicht behindert. Wir sind hier Menschen, keine Maschinen.“

Wir sind hier Menschen, keine Maschinen.

„Carina liefert echt einen geilen Job ab.“ Hans-Joachim Meinert grinst. Der Firmenchef redet gern Klartext. Über sein Team genauso wie über das Thema Schwerbehinderung. Das kennt er von beiden Seiten. Wenige Monate nach der Gründung seiner GmbH verunglückte er schwer mit dem Motorrad. „Die Ärzte sagten mir, dass ich im Rollstuhl sitzen würde.“ Ein Jahr lang kämpfte Meinert im Krankenhaus und in der Reha. Dann folgte die Wiedereingliederung – in seiner eigenen Firma. Heute steht der gelernte Schreiner und EDV-Kaufmann wieder auf beiden Beinen und führt Frankenraster allein.

Leistung? Keine Frage der Wochenstunden

Hans-Joachim Meinerts Geschäft ist Perfektion, seine Währung das Vertrauen der Kunden. Sein Team holt Dutzende, Hunderte, Tausende Aktenordner bei Kunden ab – in verplombten Containern, mit verplombten Lastwagen –, erfasst jeden Ordner, jedes Blatt digital, sortiert anschließend Blatt für Blatt wieder fein säuberlich ein und verstaut die Kisten zuletzt im akribisch gesicherten und klimatisierten Hochregallager. Zertifikate pflastern den Eingangsbereich der Firma. Lückenloser Datenschutz, reibungslose Organisation, makellose Qualität: Meinert muss auf die Leistung jedes Teammitglieds bauen können. Dass Menschen mit Behinderung die nötige Leistung bringen – daran hat er nie gezweifelt. Er selbst bringt sie ja auch.

Eine Lähmung, Nervenschäden, ein künstliches Kniegelenk und chronische Beschwerden an Rücken und Hüfte sind die Folgen von Meinerts Unfall. Er hat einen Grad der Behinderung von 80. Sein Körper macht nicht mehr alle Beanspruchungen mit. 80-Stunden-Woche? Geht nicht mehr. Muss auch nicht. Erwartet Meinert auch nicht von seinen Leuten. „Das ist doch Quatsch mit Soße. Da müssen die Unternehmen umdenken“, sagt er. „Von IT-Entwicklern erwarten Unternehmen oft 80 Wochenstunden. Unserer konnte wegen seiner Behinderung nur 20 Stunden pro Woche arbeiten. Na und? In dieser Zeit hat er eine coole Arbeit abgeliefert.“

Hans-Joachim Meinert im Interview mit „Inklusion in Bayern“.

„Auf Stellenanzeigen haben wir große Resonanz“, sagt Hans-Joachim Meinert. „Auch die Medienberichte und der Inklusionspreis „JobErfolg“ wirken sich positiv auf unsere Wahrnehmung in der Region aus.“

Porträtfoto: Hans-Joachim Meinert

Was sich der Frankenraster-Chef wünscht: mehr Bewerbungen von Fachkräften mit Behinderung, z. B. aus dem IT-Bereich.

Chancen eröffnen – und dabei wirtschaftlich arbeiten

Hans-Joachim Meinert beschäftigt Menschen mit Behinderung, weil er ihnen die Chance geben möchte, die er selbst hatte. „Aber wir sind kein Wohlfahrtsunternehmen. Auch ein Mensch mit Schwerbehinderung muss wirtschaftlich arbeiten.“ Er sieht die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung als „Win-win-win-Situation: Der Arbeitgeber bekommt hoch motiviertes Personal. Und die Arbeitsplätze werden gefördert. Es gibt die Töpfe, sie sind voll – aber sie werden nicht angezapft! Ich habe selbst schon mehrere Förderanträge gestellt und das Geld bekommen. Wenn ein Beschäftigter nur eine sogenannte Minderleistung erbringen kann, wird ein Ausgleich gezahlt. Auch der betroffene Mitarbeiter hat etwas davon. Der Mensch wird gebraucht, ist zufrieden, wird gesünder, fitter, hat Spaß am Leben. Und für die zuständigen Ämter und die Gesellschaft heißt es: Ein Mensch ist weg von der Liste der Hilfeempfänger.“

Wir sind kein Wohlfahrtsunternehmen. Auch ein Mensch mit Schwerbehinderung muss wirtschaftlich arbeiten.

Drei schnelle Fragen …

Hans-Joachim Meinert ist auf dem Sprung, eine Bewerberin wartet. Noch drei schnelle Fragen:

Herr Meinert, was mussten Sie als Chef von Beschäftigten mit Behinderung erst lernen?

„Gerade bei Menschen mit psychischen Erkrankungen war für mich die Frage: Wie kriege ich Leistung, ohne Druck auszuüben? Man muss viel kommunizieren, Fragen stellen – und gut zuhören.“

War für Sie der besondere Kündigungsschutz für Menschen mit Schwerbehinderung ein Hindernis?

„Nein, nie. In Deutschland haben wir ja einen ziemlich hohen Kündigungsschutz für alle Beschäftigten. Aber der besondere Schutz für Mitarbeiter mit Behinderung bedeutet ja nicht, dass ihnen gar nicht gekündigt werden darf. Und in der Probezeit gilt er sowieso noch nicht. Man kann sich also in Ruhe beschnuppern.“

Ihr Tipp an andere Arbeitgeber?

„Stellen Sie sich Menschen mit Schwerbehinderung nicht als Pflegefälle vor, sondern als Leistungsträger.“

Gutes Klima – für Mensch und Papier: zur Bilderstory

Tisch mit Papierstapel.

Das Ausgangsprodukt bei Frankenraster: Papier. Vom frisch bedruckten Aktenblatt bis zum historischen Dokument. Endprodukt des Unternehmens sind digitale Daten.

Porträtfoto: Judith Strußenberg

Judith Strußenberg ist Marketingleiterin bei Frankenraster: „Inklusion ist auch ein Imagefaktor. Wir bekommen viel positives Feedback von Kunden. Einige Unternehmen überlegen, ob sie es auch probieren sollen. Solch ein persönlicher Bezug kann oft Prozesse anstoßen.“

Judith Strußenberg im Gespräch.

Wichtig für Kommunikationsprofi Judith Strußenberg: miteinander reden. „Hans-Joachim Meinert redet offen über seine Erfahrungen und seine Behinderung. Damit bewegt er auch die Standpunkte der Kolleginnen und Kollegen.“

Hochregale in einer Lagerhalle, gefüllt mit Umzugskartons.

Das Klima spielt bei Frankenraster eine große Rolle – nicht nur im Lager, in dem Temperatur und Luftfeuchtigkeit papierschonend und aktenfreundlich eingestellt sind. Auch das Arbeitsklima in dem inklusiv arbeitenden Unternehmen ist förderlich, findet Judith Strußenberg. „Als ich 2015 hier angefangen habe, fielen mir sofort der gegenseitige Respekt und die Rücksichtnahme auf.“

Ein Lagerraum. Auf Paletten in der Mitte und entlang der Wände sind Kartons gestapelt.

Ordnung ist bei Frankenraster nicht nur aus Kundensicht das A und O. Freie Lauf- und Rollwege sind auch für Teammitglieder mit Seh- oder Gehbehinderung wichtig.

Durchgang zwischen zwei Regalreihen. Die Regale sind mit Aktenordnern gefüllt.

120 Regalkilometer fasst das Lager. Kleiner Tipp von den Profis: Ordner abwechselnd mit Rücken und Öffnung zur Regalfront hin einsortieren – das spart auf jedem Meter Platz.

Frankenraster: der Preisträger im Video

Die Frankenraster GmbH wurde 2015 im Wettbewerb „JobErfolg“ ausgezeichnet. Im YouTube-Kanal des Bayerischen Sozialministeriums sehen Sie ein Videoporträt des Unternehmens:

Zum Video: Frankenraster