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Inklusive Arbeitswelt

SKF: Hightech und Herzlichkeit

Behindertenquote: 8,4 Prozent. Mitarbeiterbindungsrate: 97 Prozent. Besteht hier ein Zusammenhang? Werden Unternehmen, die überdurchschnittlich viele Menschen mit Behinderung einstellen, mit maximaler Mitarbeitertreue belohnt? So einfach ist die Rechnung natürlich nicht. Doch wer den SKF-Standort Schweinfurt besucht, kann erfahren: Wo eine Kultur des Miteinanders gepflegt wird, profitieren alle – gemeinsam.

In einem Büroraum. Zwei Männer sprechen miteinander; einer blickt auf ein Tablet.

Über Wolfgang Heinze

Porträtfoto: Wolfgang Heinze

Wolfgang Heinze ist Gesamt- und Konzern-Schwerbehinderten-Vertrauensmann bei SKF und Betriebsrat. Außer seinem Titel ist nichts an ihm sperrig. Im Gegenteil. Für seine Kolleginnen und Kollegen mit Schwerbehinderung setzt er sich äußerst flexibel ein.

Meine Meinung

„Geschlecht, Herkunft, Behinderung? Egal! Entscheidend ist doch: Wie bringt sich ein Mensch an seinem Arbeitsplatz ein – wenn wir ihn optimal unterstützen?“

 

Über Christian Vogel

Porträtfoto: Christian Vogel

Christian Vogel arbeitet seit 1989 bei SKF in der Instandhaltung. Er ist gehörlos. Neue technische Möglichkeiten machen seit einigen Jahren den Austausch in seinem Team leichter.

Meine Meinung

„Inklusion bedeutet für mich: Alle Menschen sind verschieden – alle Menschen sind gleichberechtigt.“

Nach einer Minute: ganz normal

Christian Vogel sitzt in einem Büroraum bei SKF in Schweinfurt. Vor ihm steht ein Tablet-Computer. Ein Gebärdensprachdolmetscher ist online aus Norddeutschland zugeschaltet. Die Interviewerin stellt eine Frage, der Dolmetscher gebärdet. Christian Vogel antwortet in Gebärdensprache, der Dolmetscher übersetzt in Lautsprache. Nach einer Minute: ganz normal. „Herr Vogel, was machen Sie bei SKF?“ – „Ich arbeite in der Instandhaltung. 1989 bin ich in den Betrieb gekommen.“ – „Vor 27 Jahren? Sie sehen jünger aus …“ Christian Vogel lacht. „Wolfgang Heinze hat mich gut gepflegt.“

Aha!

Online-Dolmetschdienste übersetzen Lautsprache in Gebärdensprache bzw. Schrift und umgekehrt. Das Besondere: Die Dolmetschenden sind nicht vor Ort, sondern – über PC, Tablet oder Smartphone – zugeschaltet. Da Gebärdensprachdolmetschende in Deutschland ebenso selten wie begehrt sind, hat der Onlinedienst zwei große Vorteile: Flexibilität – die Dolmetschenden können an jedem beliebigen Ort mit stabiler Internetverbindung zugeschaltet werden. Und geringere Kosten – da der Aufwand für die Anreise entfällt. Die Kosten für (Online-)Dolmetschdienste am Arbeitsplatz übernimmt in der Regel das Integrationsamt, teilweise auch Reha-Träger. Auf der Website der Integrationsämter finden Sie Informationen für Arbeitgeber und Beschäftigte:

Infos zum Einsatz von Gebärdensprach- und Schriftdolmetschenden

Gut gepflegt: eine Steilvorlage. Für Beschäftigte mit Behinderung gilt wie für alle Menschen: Je besser man sie unterstützt, desto bessere Leistung können sie bringen. Das Unterstützen ist bei SKF der Job von Wolfgang Heinze. Nein: „Kein Job, sondern meine Berufung“, sagt der Schwerbehinderten-Vertrauensmann. „Ich versuche, alles mit dem Herzen zu machen.“ Wolfgang Heinze kam 1981 zu SKF, arbeitete im Vierschichtbetrieb als Schleifer. Jahre später erkrankte er, seither ist er schwerbehindert. Seit 1994 vertritt er als Vertrauensmann die Interessen der Beschäftigten mit Schwerbehinderung und der leistungsgewandelten Arbeitskräfte. Die letzten Wahlen zur Schwerbehindertenvertretung gewannen Heinze und seine Stellvertreterin Anja Strumpf mit mehr als 98 bzw. 95 Prozent.

Ein Bart als Barriere

Vielfalt gehöre seit jeher zur Firmenkultur, meint Wolfgang Heinze. „Schon als ich angefangen habe, waren hier z. B. gehörlose Menschen beschäftigt.“ Auch der Vater von Christian Vogel, ebenfalls gehörlos, arbeitete bei SKF – und wurde von Heinze vertreten. Inklusion als Familiensache. „Mein Vater war Universalfräser“, erzählt Christian Vogel. „Ich habe meine Ausbildung zum Industriemechaniker bei SKF gemacht; die Berufsschule habe ich in Nürnberg besucht. Jetzt arbeite ich in der Instandhaltung. Ich repariere Maschinen und führe Wartungen durch.“

Die Kommunikation mit seinen Kolleginnen und Kollegen hat immer geklappt. Irgendwie. „Mein Vorteil ist: Ich kann sehr gut vom Mund ablesen. Meine Lautsprache ist nicht so toll. Dann schreibe oder zeichne ich. Aber das dauert natürlich länger.“ Schwierig wird es auch, wenn ein Kollege einen Schnauzbart trägt. Dann kann Christian Vogel nicht Lippen lesen. Ein Bart als Barriere. Und wenn ein Schnauzbartträger nicht gerne schreibt, ist die Kommunikation ziemlich reduziert. „Früher habe ich vieles als Letzter erfahren“, erinnert sich Vogel.

Online-Dolmetschdienste: Dann klappt’s auch mit dem Bartträger

Seit einiger Zeit bucht er vor wichtigen Terminen Online-Dolmetschdienste. Dieses noch junge Angebot erlaubt es, Infos ganz ohne Mühen und Missverständnisse zu übermitteln. Und es ist möglich, einfach mal ein paar nette, persönliche Sätze oder einen Scherz in die Unterhaltung einzuflechten. Das ist genauso wichtig für das Teamklima – und damit den gemeinsamen Erfolg – wie der reibungslose Info-Austausch. „Die Technik ist ziemlich neu“, schränkt Christian Vogel ein, „deshalb gibt es noch öfters Schwierigkeiten.“ Er hofft, dass Online-Dolmetschdienste eines Tages Standard sind. „Ich habe relativ wenig Kontakt zu hörenden Menschen. Ich fände es toll, wenn wir uns durch solche Angebote künftig näherkommen würden. Das gäbe ganz andere Connections, beruflich und privat.“

Technische Hilfsmittel machen unabhängig

Ein weiteres Hilfsmittel trägt Christian Vogel immer in der Tasche: einen kleinen Sensor, der vibriert, wenn Feuer- oder CO2-Alarm ertönt. Technik wie diese stärkt Menschen mit Behinderung. Sie erleben sich in vielen Lebensbereichen und Situationen nicht mehr als abhängig von anderen. Technische Tools sollen (und können) natürlich nicht die Hilfsbereitschaft ersetzen, die allen Menschen das Leben leichter macht. Doch sie tragen dazu bei, dass Menschen mit und ohne Behinderung einander als gleichermaßen selbstbestimmt und souverän begegnen. So können Erfahrungen im Laufe der Zeit auch Einstellungen bewegen – nicht nur in der Arbeitswelt.

Inklusion und Prävention

350 schwerbehinderte bzw. gleichgestellte Beschäftigte arbeiten bei SKF, das ist eine Quote von 8,4 Prozent. Menschen mit Rückenleiden, mit Geh- oder Sinnesbehinderung. Menschen mit psychischen Erkrankungen wie Burn-out und Depression. Menschen, die einen Herzinfarkt, einen Schlaganfall oder eine Krebserkrankung hinter sich haben. In vielen SKF-Teams ist Inklusion längst gelebter Alltag, das Miteinander von Beschäftigten mit und ohne Behinderung gut eingespielt. Die Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung werden als Leistungsträger erlebt. „Die Mannschaft weiß, dass die Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung genauso viel leisten wie sie selbst. Mindestens“, bekräftigt Wolfgang Heinze. „Beispiel Gruppenprämie: Wenn ein Beschäftigter wegen seiner Behinderung nur 70 Prozent der geforderten Leistung bringen kann, übernimmt die Firma die fehlenden 30 Prozent, damit die Gruppe 100 Prozent Prämie bekommt. Aber das ist nur im seltensten Fall nötig.“

 

Die Kolleginnen und Kollegen mit Behinderung werden als Leistungsträger erlebt.

 

SKF wurde 1907 in Schweden als Kugellagerfabrik gegründet. Heute ist der Konzern in mehr als 130 Ländern und in rund 40 Industriesegmenten vertreten. In jüngerer Zeit hat die SKF-Gruppe – u. a. wegen der Zusammenlegung von Geschäftsbereichen – viele Stellen abgebaut. Auch der größte deutsche SKF-Standort Schweinfurt war betroffen. „Momentan ist es schwierig, Leute neu einzustellen. Wir konzentrieren uns darauf, die vorhandenen Arbeitsplätze zu sichern“, schildert Wolfgang Heinze. Eine Folge der starken Mitarbeiterbindung bei SKF: Wer einem Unternehmen ein Leben lang treu bleibt, wird an seinem Arbeitsplatz eben auch älter. Mit dem Alter steigt das Risiko, eine Behinderung zu erwerben. „Bei uns sind die Jahrgänge 1960 bis 63 extrem stark vertreten. Die Schwerbehindertenquote ist in den vergangenen Jahren nach oben geschossen.“

 

Sitzen – stehen – entspannen

Zur Prävention gehört auch der Gedanke des Universellen Designs. „Wir rüsten immer mehr Arbeitsplätze so um, dass Menschen mit und ohne Behinderung sie gleichermaßen nutzen können und von ihnen profitieren“, schildert Wolfgang Heinze. Höhenverstellbare Werkbänke und Arbeitstische sorgen für entspanntes Sitzen und Stehen im Wechsel. Bandscheibenfreundliche Stühle entlasten den Rücken. Lastkräne mit Vakuum-, Druckluft- oder Magnettechnik sparen Kraft und schonen die Wirbelsäule. Universell gestaltet ist auch der Weg vom Parkplatz in die Gebäude. Rampen, Überdachungen und elektrische Türöffner sorgen dafür, dass Menschen zu Fuß, mit Gehhilfe oder Rollstuhl selbstständig, bequem und trocken am Arbeitsplatz ankommen.

Aha!

Universelles Design oder „Design für alle“ bedeutet: Räume, Gegenstände und Techniken sind so gestaltet, dass möglichst viele Menschen sie (ohne besondere Anpassung und Anstrengung) nutzen können. Dazu gehört, dass sich Produkte „von selbst erklären“, also intuitiv nutzbar sind.

Nicht die Technik entscheidet. Sondern die Haltung.

Doch Technik kann immer nur ein Hilfsmittel sein. Inklusion ist eine Frage der Haltung. Die SKF-Vertrauensleute verkörpern diese Haltung und leben sie vor. „SKF engagiert sich in Person von Herrn Heinze als Schwerbehindertenvertreter überdurchschnittlich für die Beschäftigten mit Schwerbehinderung“, lobt das ZBFS-Integrationsamt Unterfranken. „Dabei werden weder hoher Zeit- noch Personalaufwand gescheut.“ Nicht nur bei der Unternehmensleitung finden Wolfgang Heinze und seine Kollegin dabei Unterstützung. „Einmal hatten wir einen gehörlosen Mitarbeiter befristet eingestellt. Drei Jahre lang hat das Arbeitsamt Lohnkostenzuschüsse gezahlt. Als die Förderung auslief, war die Frage, ob wir den Mann behalten können. Es war klar: Woanders hätte er keinen Job mehr gefunden. Da kamen erst sein Vorgesetzter zu mir, dann seine Kollegen, und setzten sich für ihn ein – für ihn als Menschen und als tüchtigen Kollegen. Heute hat er bei uns eine unbefristete Stelle.“

Man sollte jedem Menschen eine Chance geben. Vielleicht auch eine zweite oder dritte.

 

Ein Erfolgsbeispiel von vielen. Wolfgang Heinze wird grundsätzlich: „Geschlecht, Herkunft, Behinderung? Egal! Entscheidend ist doch: Wie bringt sich ein Mensch an seinem Arbeitsplatz ein – wenn wir ihn optimal unterstützen. Man sollte jedem Menschen eine Chance geben. Vielleicht auch eine zweite oder dritte.“ Wolfgang Heinze engagiert sich nicht nur im Unternehmen. Notfalls geht er mit Beschäftigten bis vors Sozialgericht. Zum Beispiel, wenn er der Meinung ist, dass ein Beschäftigter vom begutachtenden Arzt einen zu geringen Grad der Behinderung zuerkannt bekommen hat. Heinze ist in Netzwerken und Arbeitskreisen aktiv, sucht den Austausch mit anderen Unternehmen. „Ich will unser Wissen nicht eingraben, sondern weitergeben.“ Wie leistungsstark Menschen mit Behinderung sind – auch dafür ist Wolfgang Heinze ein sehr aktiver Beweis.